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Reisetagebuch

Während meiner Südamerikareise 2002 habe ich regelmässig Berichte nach Hause geschickt und auf dieser Seite veröffentlicht. Die Berichte erheben weder Anspruch auf politische Korrektheit noch Objektivität. Sie sollen einfach wiederspiegeln, was ich erlebt und dabei empfunden habe.
Ich habe ebenfalls ein paar Daten zusammengetragen und eine kleine Reisestatistik erstellt.

Aus den überarbeiten Berichten ist ein bebildertes Buch geworden. Wer gerne ein Exemplar möchte, soll sich bei mir melden. Das Buch ist aber auch online erhältlich: [PDF] (6MB download)

Die original-Berichte sind immer noch online:
20.2.2002 - Zu Hause
6.3.2002 - Puerto Montt
15.3.2002 - Osorno, Chile
22.3.2002 - Temuco, Chile
29.3.2002 - La Serena, Chile
4.4.2002 - La Serena, Chile
10.4.2002 - Iquique, Chile
19.4.2002 - La Paz, Bolivia
Kabelfernsehen im Hotel hat sich nicht besonders gelohnt. Ich habe mich nur über die schlechte Berichterstattung von CNN zu Nahost aufgeregt. Da war BBC auf Kurzwelle doch einiges objektiver.
Nachdem ich mich mit einem "Completo", einem Mega Hotdog mit Avocado, ernährt hatte, gab ich mich dem unkontrollierten Konsumtempel "Zofri" hin, einem zollfreien Einkaufsquartier. Habe aber nur einen Diafilm gekauft, der sonst kaum erhältlich ist.
Im Bus nach Arica am Tag danach konnte ich ein eigenartiges Phänomen beobachten. Über der flachen Pampa rageten dünne Säulen aus Sandwolken vom Boden in die Luft, als ob da starke Luftwirbel wären. Sah recht speziell aus, das soll mir dann mal einer erklären.
Arica ist eine lebendige Stadt mit vielen kleinen Märkten und Früchtehändlern auf der Strasse. Im Residencial traf ich auf ein schweizer Päärchen mit welchem ich den soeben erworbenen chilenischen Cabernet Sauvignan teilte. Wenn man im Ausland auch nicht zwingend auf der Suche nach Landsleuten ist, so ist es doch erstaunlich, wie oft man mit Schweizern in ein interessantes Gespräch gerät. Vielleicht ist das Kriterium auch eher "Südamerikareisender-und-gleiche-Sprache-sprechender" als Schweizer.
Am Freitag besuchte ich ein Museum zum Thema Pazifikkrieg, vor allem über die Eroberung von Arica durch die Chilenen gegen Peru ~1880. Interessiert hat es mich, weil man auf der Fahrt von Iquique nach Arica immernoch eine Grenze passiert und den Pass zeigen muss, obwohl man immer in Chile ist. Vermutlich hängt das auch mit dem Zofri zusammen. Allgemein sind die Grenzen in Südamerika gar noch nicht so alt. Besonders Bolivien hat in den letzten hundert Jahren an Land verloren.
Nach einem Tag Strand gings nach Putre, zum Nationalpark Lauca.
In Putre, auf 3500m, ging mir natürlich wiedermal die Puste aus und ich sass erstmal etwas herum. Mit zwei hyperaktiven Frankokanadiern ging ich zu Abend essen. Zum ersten Mal ass ich Alpaca. Zum Schluss spielte eine lokale Gruppe allein für uns Altiplanomusik.
Am Montag wollte ich erstmal eine kleine Etappe per Anhalter zurücklegen, da es nur 2 Busse pro Woche gibt. Erstmal musste ich über eine Stunde mit allem Gepäck zur Kreuzung laufen. Ich war etwas spät und der Verkehr in Richtung Bolivien beschränkte sich auf ein Fahrzeug pro Viertelstunde. Nach 5h(!) Wartezeit nahm mich endlich einer mit. In dieser Zeit habe ich ein Buch von Coelho von fast Anfang bis ganz Schluss gelesen, immer unterbrochen von Halteversuchen.
Der Typ setzte mich an der Kreuzung nach Parinacota ab und ich musste wieder etwa eineinhalb Stunden gehen. Insgesamt waren dies 10km mit 20kg Gepäck. Meine Körperlichen Grenzen waren absehbar und die Beine und Knie schmerzten den ganzen Abend. Da das Refugio von Conaf, den Parkhütern, geschlossen war, sprach ich eine lokale an, welche mir ein Bett neben zwei Deutschen offerierte. Freundlicherweise durften wir auch gleich bei ihr speisen (Alpaca).
Tags darauf machte ich eine 24km-Tour zum Lago Cotacotani, was sich als sehr unvernünftig herausstellte. Das Atmen fiel mir nicht mehr schwer, doch ich bekam je länger je mehr Kopfschmerzen, erstes Anzeichen von leichter Höhenkrankheit. Trotzdem war die Tour in dieser einzigartigen Ladschaft schön. Auch mit Kopfschmerzen genoss ich den gigantischen Vulkan Parinacota. Meine selbstgekochte Pasta irgendwo in der Wildnis des Altiplano! Der Rückweg war dann aber eine Qual. Erst als ich zurück war und völlig am Ende in mein Bett kroch wurde mir richtig bewusst, was ich meinem Körper angetan hatte. Mit viel Mate de Coca und Ruhe machte ich das wieder gut.
Eigentlich wollte ich ja noch den Guaneguane-Fünftausender besteigen, aber unter diesen Umständen ist eine Tour alleine wohl nicht vernünftig.
Parinacota ist allerliebst. 15 Leute leben in diesem Ur-Dorf. Strom gibts bei Adela nur ab und zu in der Küche. Wasser wird draussen am Hahn geholt und geschissen wird im 100m entfernten Plumpsklo, zusammen mit Fledermäusen - ein unvergessliches Erlebnis, dieses Dorf an einem der schönsten Ärsche der Welt.
Wieder eine Stunde ging ich zur Strasse zurück und wartete auf eine Mitfahrgelegenheit. Nach einer Weile stiess ein Conaf-Ranger mit Gitarre dazu und wir vertrieben uns die Zeit mit Musik. Er war neidisch auf meine Bluesharp, verpasste ihr dafür aber auch gleich etwas von seinem Mundgeruch. Rührend war, wie er mir ein Altiplanolied vorspielte und -sang.
Nach 4h kam dann auch der offizielle Bus nach La Paz.
Eigendlich wollte ich La Paz ja noch meiden. Leichte Paranoia machte sich breit. Mangels Alternativen liess ich mich dann aber auf das Abenteuer ein. Zum Glück konnte ich das Taxi mit zwei Amis teilen. So fühlte ich mich schon etwas sicherer.
Nach all der Wildnis gönnte ich mir ein verhältnismässig teures Essen auswärts. Zum Dessert gabs Musica Andina. Mit immernoch mulmigem Gefühl ging ich danach ins Bett.
Beim Morgenessen mit den Amis stellte ich fest, dass ich es mit zweien zu tun hatte, die meinem Ami-Klischee so ziemlich in allem widersprachen. Gebildet, weitsichtig, in einer mit ATTAC vergleichbaren Organisation tätig, die Konferenzen zum Thema Globalisierung und co. organisiert...Michael und Caroline aus Colorado. Noch dazu kam, dass er auch Saxophonist ist.
Nach etwas herumirren in dieser absolut abgefahrenen, brutal lebendigen, überfordernden Stadt besuchten wir das Coca-Museum, eines der besten Museen, das ich je besucht habe. Während des Besuchs "kauten" wir auf einem Kokaballen mit Bananschalenasche als Katalysator für den Wirkstoff. Die Geschichte, Wirkung, Tradition oder auch der Kokakrieg werden sehr gut dargestellt.
Noch interessanter war die Bekanntschaft eines Aymaras im Museum. Ich war sehr froh, dass Caroline recht gut spansich sprach und mir die Lücken füllen konnte, die ich nicht verstand.
Angefangen hat es damit, dass er uns Coca anbot und erzählte, er kaue täglich, u.a. um sich das Mittagessen zu sparen. Koka sei aber sehr teuer - eigentlich ein Witz, denn es wurde ja schon immer von den Ureinwohnern angebaut. Nur müssen sie es heute von den Weissen zurückkaufen.
Leider konnte ich mir den Namen dieses Mannes nicht merken. Im weiteren Verlauf des Gespräches beeindruckte er mich immer mehr. Er hat sich autodidaktisch gebildet, da es für Aymara erst langsam einfacher wird, eine Uni zu besuchen. Besonders für einen stolzen Aymara wie ihn, der zu seiner Kultur steht und sich nicht den Kleider- und anderen Normen der Weissen unterwerfen wollte war es nicht einfach.
Die Gottheit der Aymara ist Pachamama, die Mutter Erde, und sie glauben, bei ihrem Tod zur Erde zurückzukehren und wiedergeboren zu werden. Ihr Lebensstil ist im Einklang mit der Natur. Das Problem aber sei, dass die Mehrheit der Aymara ihre Herkunft leugnen und versuchen, möglichst spanisch zu werden, da sie die soziale Unterschicht bilden.
Er pendelt ständig zwischen Stadt und land, um das, was er in der Stadt gelernt hatte aufs Land zu tragen.
So richtig interessant wurde es, als er von der Vision des Aymarastaates zu sprechen begann. Heute ist das Gebiet der Aymara zwischen Chile, Peru und Bolivien aufgeteilt. Sie bilden, in Bolivien 50% der Bevölkerung. 40% seien Quechua und der Rest die weisse Oberschicht.
Er wusste sehr genau über die Verbrechen Europas und, in heutiger Zeit vor allem der USA, in Südamerika bescheid. Man könnte meinen, er hätte Chomsky gelesen, oder einfach sehr feinfühlig den Aktivitäten gefolgt. Er erzählte von den nordamerikanischen Eingriffen zur Verhinderung von Demokratien in Lateinamerika rsp. den von den Amis gestützten Diktaturen. Während des Kalten Krieges wollten sie so verhindern, dass sich die Russen Verbündete in Lateinamerika schaffen.

Ich war einfach baff. Da stand ein Mann vor mir, der sehr bescheidene Schulbildung genossen hatte und dessen Tagesablauf hauptsächlich durch Arbeit fürs tägliche Brot bestimmt ist und der hat ein so fundiertes Wissen vom Weltgeschehen.
Demokratie sei aber nicht die Staatsform für den Aymarastaat. Sie sei nur Machtinstrument der Oberschicht, der Wirtschaft. Seine Idee ist auch nicht "Communismo", sondern "Communalismo", eine Lebensweise ohne Machtkonzentration, so wie früher.
Ich konnte mir Skepsis nicht verkneifen und wollte wissen, wie er sich das denn vorstelle. Besonders interessierte es mich, ob Aymara irgendein Kommunikationsorgan haben, ob sie Schrift und eigene Zeitungen haben, die als Mobilisationsmittel verwendet werden könnten. Zudem gab ich zu bedenken, dass sowas ohne Gutdünken des Westens kaum möglich sei.
Die Aymara hatten Hieroglyphenmässige Schrift, entwickelten aber eine neue mit dem Lateinischen Alphabet und es existieren Schriften, aber keine Zeitungen.
Seine nächste Aussage haute mich um. Mit Zeitungen müsse man extrem vorsichtig sein, da der CIA seine Ohren überall habe und sofort einschreiten würde, um solche Bewegungen zu unterdrücken.
Meinen Zweifeln entgegnete er, dass die Aymara Zeit hätten. Wie jedes Imperium der Geschichte werden auch die USA untergehen, besonders, weil sich die westliche Lebensweise so weit von Pachamama entfernt habe, was diese niemals verzeihe.

Mit dieser Zusammenfassung des Gesprächs löse ich das Versprechen ein, das ich ihm gegeben habe, meinen Freunden von den Aymara und ihren Visionen zu erzählen.
29.4.2002 - Sucre, Bolivia
6.5.2002 - Sucre, Bolivia
20.5.2002 - Santa Cruz, Bolivia
29.5.2002 - La Paz, Bolivia
14.6.2002 - Copacabana, Bolivia
18.6.2002 - Puno, Peru
25.6.2002 - Cusco, Peru
6.7.2002 - Pisco, Peru
20.7.2002 - Huaraz, Peru
4.8.2002 - Iquitos, Peru
19.8.2002 - Salvador, Brasil
4.9.2002 - Vitoria, Brasil
15.9.2002 - Rio de Janeiro, Brasil
29.9.2002 - Bonito, Brasil
13.10.2002 - Buenos Aires, Argentina
28.10.2002 - zu Hause
[Sourcecode des Reisebericht-Projektes (Mailinglist,MySQL)]


last update: 09. May 17

Author: Alain Brenzikofer